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Geschichte: Nord-Barmbek und die Auferstehungskirche
Diese Seite über die Geschichte Barmbeks und insbesondere Nord-Barmbeks und seiner Auferstehungskirche gliedert sich in fünf Abschnitte:
1. Historie 2. Kirchliche Entwicklung in Barmbek 3. Auferstehungskirche Nord-Barmbek 4. Das Gemeindehaus der Auferstehungskirche 5. Stimmen von heute
1. Historie
Barmbek im Mittelalter – Ein Bauerndorf abseits in Grenz- und Randlage zwischen Hamburg und Holstein
Wenig Sicheres war von den Volksstämmen bekannt, die sich den Acker und die Weide erst in den Wald roden mussten. Jahrtausende später als in südlichen Gefilden, wo kein Eis das Leben vertrieben und zurückgehalten hatte, wissen wir von dem Volk der Sachsen, deren Stamm der Stormarn hier sesshaft wurde. Unweit östlich, jenseits der Bille, wohnten bereits slawische Stämme. Südlich von uns war das wenig gangbare feuchte Elbe-Urstromtal, an dessen Rand, durch die Hammaburg auf dem Geestsporn (bei der späteren Petri-Kirche) und die Neue Burg in der Alsterniederung geschützt, eine wichtige Straße verlief. Die Barmbeker Gegend lag abseits. Das junge kirchliche Zentrum Ansgars in Hamburg wurde nach einem Überfall der in die Elbe eingedrungenen Dänen 845 nach Bremen verlegt. Wir wissen, dass ganz Nordelbien, später sogar die nordischen Länder, zum Sprengel Bremen-Hamburq gehörte; wir wissen aber von kirchlichem Leben in unserem Raume nichts, wie wir auch keine Nachricht von Mensch und Siedlung nordöstlich von Hamburg lesen. Erst 1271 wird der Name des Dorfes Barmbek, das schon länger bestanden haben muss, als Bernebeke in einer Urkunde erwähnt. Das Bauerndorf bekam den Namen des Baches, der nahe an seinen Höfen vorbeifloss und später Osterbek genannt wurde. Die Bauernhöfe lagen in der Runde um einen Platz gebaut südlich des Tales. Das Gelände des heutigen Nord-Barmbek war Wald mit vielen Eichen; hier traf man Herden von Schweinen, aber auch Rinder an, die in das herrenlose Revier getrieben wurden. Herr über Bauern, Höfe und Eigentumsland war seit der Mitte des 14. Jahrhunderts das Hamburger Heiligen-Geist-Hospital, das den Grafen von Holstein 1355 alle noch verbliebenen Rechte abkaufte. Das Hospital lag nahe der noch so genannten Heiligengeistbrücke unweit des Rödingsmarktes; sein Name steckt noch in dem einige Jahrzehnte später gekauften Heiligengeistfeld vor dem Millerntor. Die Verwaltung des Hospitals wurde den Armenpflegern der vier Hauptkirchen übergeben, von jeder Kirche drei. Die zwölf sogenannten Oberalten, die allein durch die Oberaltenallee reiten und fahren durften, haben ihr Amt bis 1859 ausgeübt. Erst später, im 14. und 15. Jahrhundert, wurde das Land nördlich des Osterbeks zwischen den elf Hufen verteilt. Damals kamen auch Flurnamen in den Urkunden vor, die etwas anders geschrieben, in Straßennamen festgehalten sind: Diellau (Tieloh), Lämmersiede (Lämmersieth), Hasselloh (Hartzloh), Langenfeld oder Langen Föhr (d. h. lange Furche, jetzt Langenforth), Ohl Wöhr (Alte Wöhr). Dennoch heißt es noch gegen Ende des 18. Jahrhunderts, dass "ein großer Teil unbebautes und bisher schlecht gebrauchtes Land wüste liegt." Es ist der Boden Nord-Barmbeks, gegen die Hellbrooker, Steilshooper und Alsterdorfer Grenze, der also immer noch schlecht genutzt war. Beiderseits der großen Landstraßen nach Fuhlsbüttel und Bergstedt, die durch hohe Knicks eingefasst wurden, teilte man auf obrigkeitlichen Befehl die Gemeinweide auf, so dass die Kühe nunmehr auf Eigentumsflächen weideten.
Die Bebauung Nord-Barmbeks – Erst im 20. Jahrhundert, teils wild, teils planmäßig
Es änderte sich wenig, als die Hansestadt 1830 die Hoheitsrechte über die Barmbeker Feldmark übernahm. Nur die Hälfte der Fläche war Ackerland. Das meiste Bauernland kaufte 1898 der Staat auf. Nord-Barmbeker Flur war noch um die Jahrhundertwende rein ländlich. Die wirtschaftliche Nutzung änderte sich durch die sich nähernde Großstadt zunächst nur dadurch, dass auf dem neu angelegten Hofe Heinrich Dreckmanns die Milcherzeugung im Vordergrund stand, dass gärtnerische Betriebe angelegt wurden und dass die Grundbesitzer den sandigen Boden teils 4, teils bis 8 m abgruben und verkauften. Das hatte eine weitgehende Einebnung des künftigen Baugrundes zur Folge. Man darf nicht vergessen, dass noch bis 1888 Nord- und Süd-Barmbek durch eine Zollgrenze getrennt waren. Vom "Zoll", wo Fuhlsbütteler und Bramfelder Straße an der Osterbekbrücke auseinandergingen, führte zunächst eine Omnibuslinie bis zum Schweinemarkt (jetzt Lange Mühren), dann kam die Pferdebahn bis zum Rathausmarkt und seit 1895 die "Elektrische" der "Straßeneisenbahngesellschaft in Hamburg". Im selben Jahr wurde auch die Fuhlsbütteler Straße bis Ohlsdorf durch die Straßenbahn erschlossen. Erst jetzt war die Vorbedingung für eine Bebauung und Besiedlung geschaffen. Für Nord-Barmbek war entscheidend, dass seit 1906 die früher sogenannte „Vorortsbahn", die älteste elektrische Eisenbahn in Deutschland, ihren Bahnhof Barmbek nördlich des Osterbeks anlegte. An diesem Bahnhof der Kgl. Preußischen Staatseisenbahn lehnte sich 1912 die Ringlinie der Hamburger Hochbahn an. 1916 fuhren die ersten Züge der Walddörferbahn mit der Haltestelle Habichtstraße, so dass wir beneidenswert günstig durch das Schnellbahnnetz erschlossen sind. Von hier gesehen war kein Hindernis mehr für eine planmäßige bauliche Erschließung des Nord-Barmbeker Bodens. Das geschah unter tatkräftiger Mitwirkung Schuhmachers vor allem in den zwanziger Jahren. Damals wurde der nördliche Teil unseres Stadtviertels mit dem Mittelpunkt des Habichtplatzes in gleichmäßigen Backsteinhausreihen bebaut. Der Stil dieses Ortsteils blieb bei Wiederherstellung nach dem Kriege im Ganzen erhalten. Der südliche Teil etwa zwischen Hellbrookstraße und Osterbektal war inzwischen wild gewachsen und zeigt noch heute das Durcheinander zwischen gewerblichen und Wohnbauten in verschiedener Stockwerkhöhe. Es sei aber nicht verkannt, dass unsere Planungsdienststellen bei der Bebauung der Lücken darauf geachtet haben, dass das Siedlungsbild auch hier noch verbessert werden konnte, wie die Neubauten in der Starstraße und der Schwalbenstraße zeigen. Einheitlich geplant und bebaut wurde auch die sogenannte Hochbahnschleife westlich der Fuhlsbütteler Straße. Eine Einzelhausbebauung mit Villenstraßen fehlt bei uns. Die Bevölkerung in Nord-Barmbek gehört vorwiegend zur mittleren Einkommensschicht, das sogenannte Großbürgertum bevorzugt andere Stadtteile. Weiterhin bekannt ist jedoch der Südteil der Fuhlsbütteler Straße als Einkaufsbezirk, der sich neben dem neuen Großeinkaufszentrum an der Hamburger Straße in Süd-Barmbek behaupten wird.
2. Kirchliche Entwicklung in Barmbek
Seit der Frankenkaiser Ludwig der Fromme 831 die Grenzfeste Hammaburg zum Sitz eines Erzbistums erkor, sollte von hier aus mit Ansgar als erstem Leiter das Christentum nach Norden getragen werden. Wenn auch der Amtssitz bald nach Bremen verlegt wurde, war doch Hamburg der Ausgangsort der Mission und führte zum räumlich größten Sprengel der Christenheit über Skandinavien bis Grönland. Erst Anfang des 12. Jahrhunderts, genau 1104, wurden die nordischen Länder eigene Bistümer. Und in der Nachbarschaft dieses geistlichen Kraftzentrums blieb Barmbek ohne Kirche. Wir wissen, dass bis in den Dreißigjährigen Krieg die Barmbeker zu St. Jacobi einqepfarrt waren. Den dortigen Gemeindegliedern, die vorwiegend Handwerker und Kaufleute waren und enge Beziehungen zu Lübeck pflegten, waren die Barmbeker Bauernfamilien natürlich wenig beachtete Fremdlinge. Die weite Entfernung bei den schlechten Wegverhältnissen taten das ihre, dass eine kirchliche Gesinnung kaum aufkommen konnte. 1629 fand eine Umgemeindung an die nur wenig näher gelegene Kirche zu St. Georg statt, in ihrer Nähe wurden bis zur Anlage des Hauptbahnhofes die Toten bestattet. Ab 1885 mussten die Barmbeker die St.-Gertrud-Kirche in Hohenfelde als ihre Gemeindekirche besuchen. Ein kirchliches Gemeindeleben war also immer noch nicht zu erwarten. Es ist kaum glaublich, aber leider Tatsache: Die älteste Barmbeker Kirche, aber erst im Jahre 1900 erbaut, war die katholische Kirche St. Sophie an der EIsastraße. Es folgte endlich 1903 die Weihe der ersten evangelischen Kirche im Zentrum des ehemaligen Dorfes; sie wurde in Erinnerung an die frühere wirtschaftliche Zugehörigkeit zum Heiligengeisthospital „Heiliqenqeist-Kirche" genannt. Nord-Barmbek folgte zuletzt. Von einem Pastorat in der Steilshooper Straße 63 aus wurde der Nordbezirk seit 1901 betreut, es war die von der Synode bewilligte vierte Pfarrstelle, die von Pastor Max Steffen verwaltet wurde. Er stammte aus einem Altonaer Lehrerhaus und war vorher Pastor zu Lunden in Norderdithmarschen. Der Barmbeker Kirchenvorstand hielt aber den Bau einer eigenen Kirche in Nord-Barmbek für notwendig. Zum April des Vorjahres war die Barmbeker Bevölkerung auf 90.448 gezählt worden, wovon rund 20.000 auf NordBarmbek entfielen. Das Statistische Amt schätzte die Volkszahl für 1932 voraus auf 76.000.
Es ist außerordentlich reizvoll, in die Zeit der letzten Monate vor dem Ersten Weltkrieg zu blicken, in die Zeit, wo die Idee zur heutigen Auferstehungskirche und zum heutigen Gemeindezentrum entstand. Der damalige Kirchenvorstand erstrebte nicht nur einen Kirchbau, sondern einen "Gruppenbau", in Hamburg etwas Neues, aber sowohl von der katholischen wie der evangelischen Kirche anderswo, besonders in der Diaspora, häufig ausgeführt. Mit der Angliederung eines Gemeindehauses, mit der Schaffung von Versammlungsräumen, größere für außergottesdienstliche Vorträge, kleinere für die Jugendpflege, beabsichtigte man die Gemeindebildung zu fördern. „Das Gemeindehaus hat für die Gemeindebildung nahezu denselben Wert wie die Kirche selbst." Die Jugendarbeit lag damals besonders im Argen. Warteschule und Krippe, wie man es damals nannte, fehlten. Damit die jungen Leute „vom Besuch der öffentlichen Lokale und Kinos und von der Straße ferngehalten werden", wurden in den Räumen der „Produktion" für die sozialdemokratische Jugendpflege reichlich ausgestattete Versammlungsräume bereitgestellt. Nur die Landeskirche rührte sich nicht.
Nachdem zunächst eine Fläche nahe dem Bahnhof an der Drosselstraße ausersehen war, stellte die Finanzdeputation das 4.260 qm große Grundstück an Tieloh und Hellbrookstraße zur Verfügung (30. Juni 1913). Der Bauausschuss des Kirchenvorstandes beauftragte vier Architekten, für die Gebäudegruppe „rechtzeitig und vollständig" Pläne anzufertigen. Das bewilligte Honorar betrug jeweils 500 Mark. Für die Kirche bestand die beachtenswert schöne Forderung: „Es wird mehr Wert auf die Erzielung einer guten Predigtkirche, als auf Einhaltung der überlieferten Form des Kirchenbaues gelegt." Das Preisgericht bestand aus keinem geringeren als dem Baudirektor Prof. Schumacher, dem Architekten E. Meerwein, einem der Rathauserbauer, dem Bauinspektor Hellweg, Pastor Steffen und R. Kirsten, dem Vorsitzenden der Beede. Wegen der einheitlichen künstlerischen Wirkung wurde der Plan des erst 33jährigen Architekten Camillo Günther einstimmig angenommen. Camillo Günther löste das Problem der Raumanordnung so, dass er die Kirche als das beherrschende Bauelement an die Straßenkreuzung Tieloh - Hellbrookstraße setzte und das Gemeindehaus mit seinem Steilgiebel an den Tieloh. Beide Gebäude sollten durch die etwas zurückliegenden zwei Pastorate miteinander verbunden werden, so dass ein einheitlicher kirchlicher Bauhof entstand. Der Turm der Kirche, so hieß es in dem Bauausschreiben, sei nicht nur für Glocken und Uhr da, er solle vielmehr das Wahrzeichen der Kirche sein, Deshalb brauche er nicht hoch zu sein, sondern wirkungsvoll durch die Masse. Wegen der Nähe des hohen Schulbaues war das eine weise Bedingung, da ein überschlanker Turm etwa gotischen Stils sich architektonisch schlecht ausgenommen hätte, außerdem auch geldlich nicht ausführbar gewesen wäre. So wurde unser schöner geduckter Turm mit der Laterne im barocken Stil über der etwas überspitzten Kuppel geschaffen, während das Gemeindehaus nunmehr sehr schön mit seinem hohen Giebel die Verbindung zu der überhohen Doppelschule am Tieloh herstellt.
Es herrschte große Freude, es konnte beginnen. In der Eingabe vom 28. August 1913 hieß es: „Dem hochwürdigen Kirchenrat richtet der Kirchenvorstand der Gemeinde Barmbek die ergebene Bitte, bei der Synode eine erste Rate von 100.000 Mark für Kirche und Gemeindehaus beantragen zu wollen.“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Keine drei Wochen später kam sie: „dass zur Zeit von der Bewilligung der erbetenen Summe selbstverständlich keine Rede sein könne." In den ersten Januartagen 1914 wurde abermals beraten, Ergebnis: Zurückstellung bis 1915. Die Barmbeker fanden dann einen klugen, warmherzigen und energischen Fürsprecher, den Senior D. Grimm. Als Vorsitzender einer Kommission prüfte und besprach er eingehend die kirchlichen Verhältnisse Barmbeks und kam zum Ergebnis, dass die „Teilung der Gemeinde in zwei selbständige Sondergemeinden nicht mehr lange zu umgehen" sei. „Angesichts der Armut und des geringen kirchlichen Interesses" konnte die Gemeinde die Mittel nicht durch eine vom Kirchenrat empfohlene private Sammlung aufbringen. Auch die grundsätzlichen Bedenken gegen den Gemeindesaal wusste Grimm zu zerstreuen. Der Architekt Meerwein wurde noch einmal als Gutachter beansprucht. „Überhaupt fühlt sich Nord-Barmbek mit seinen 25.000 Einwohnern infolge seiner wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr als Bestandteil von Alt-Barmbek und darum auch kaum als Glied der Heiligengeistgemeinde." Nach Grimm umfasst Barmbek „etwa den zehnten Teil unserer lutherischen Kirche und hat eine einzige kleine Kirche." Es war tatsächlich so: Hier wohnten 1914 108.056 Gemeindeglieder; zur gleichen Zeit umfasste der Bezirk der Hauptkirchen St. Petri 6.355 und St. Nikolai 6.391 Seelen. Nur St. Katharinen sammelte vor der Sanierung der östlichen Altstadt 66.546 Gemeindeglieder. Zwei Vorstöße führten endlich zum Erfolg: Ein Flugblatt brachte 1.292 Unterschriften; zum anderen: Man suchte trotz des inzwischen ausgebrochenen Krieges nach Arbeitsbeschaffung. Die Synode vom 21. September 1915 bewilligte unter Vorsitz seiner Magnifizenz des Bürgermeisters Dr. Dr. Schröder die Summe von 205.000 Mark in drei Raten. „Da von keiner Seite das Wort gewünscht wird, stellt der Herr Vorsitzende fest, dass die Synode mit der Zahlung vorgenannter Beträge aus der Kirchenhauptkasse einverstanden sei." Dies Hindernis war beseitigt, ein anderes tauchte auf: Der junge Architekt war gesund und truppendienstpflichtig. Die Militärkommission des Senats ließ Camillo Günther einige Zeit reklamieren. Der Bau konnte beginnen.
3. Auferstehungskirche Nord-Barmbek
Die Grundsteinlegung fand am 23. Januar 1916 statt. Ein gütiges Geschick hat uns die Schilderung in den Hamburger Nachrichten bewahrt. Es war trotz der ernsten Zeit ein wahres Volksfest. Nur im Auszug möge einiges aus dem ausführlichen Bericht folgen, wobei die siegesstolzen Hoffnungen in den Ansprachen vergessen sein mögen. Strahlender Sonnenschein, wie er im Januar selten ist, leuchtete der feierlichen Grundsteinlegung der zweiten Kirche Barmbeks. Um den Bauplatz flatterten im frischen Wind auf hohen Masten hamburgische und deutsche Fahnen neben solchen mit den Farben unserer Bundesgenossen; auch der rote Halbmond fehlte nicht bei der Gründung eines neuen christlichen Gotteshauses. In hellen Scharen hatte sich die Bevölkerung des Stadtteils, klein und groß, zusammengefunden; viele Häuser der Nachbarschaft hatten Flaggenschmuck angelegt. Vor dem Grundstein hatten Platz genommen die Kirchspielherren Senator Sachse und Senator Rodatz, Senior D. Dr. Grimm, die Gemeindeältesten Herren Palm, Kirsten, Callenberg und Burmester und die Kirchenvorsteher Herren Dreckmann, Garfs, Eggers, Kunckel, Ruprecht, Eggers, Lembcke und Becker. Die Geistlichen Barmbeks waren vollzählig erschienen. Nach gemeinsamem Gesange richtete Pastor Böhme eine Ansprache an die Versammelten, der er das Wort Jes. 28,16 zugrunde legte: „Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen tröstlichen Eckstein, der wohlgegründet ist. Wer glaubt, der wird nicht zuschanden werden." Nach fernerem gemeinsamen Gesange sprach Pastor Steffen über Apostelgesch. 18,9-10: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht. Denn ich bin mit dir; denn ich habe ein groß Volk in dieser Stadt." Der Apostel Paulus vernahm dieses Wort des Herrn in Korinth, der alten Stadt der Arbeit, des Handels und des Vergnügens, als er zagend fragte: „Woher soll ich den Mut nehmen, in dieser Stadt der Sinnenlust nach Raum zu suchen für stille, starke Innerlichkeit?“ Auch uns in Hamburg hat man von manchen Seiten zugerufen: „Baut Theater, baut Konzertsäle, baut Stätten der Lehre; aber für eure Kirchen ist kein Platz mehr in einer Zeit, da die Entwicklung rastlos fortschreitet.“ Auf die hören wir nicht, sondern auf Gott, der da sagt: Ich habe ein groß Volk in dieser Stadt. Der Gemeindeälteste Wilhelm Palm verlas dann die Urkunde, die mit Münzen, Papiergeld und Zeitungen im Grundstein eingemauert wurde:
Im Namen Gottes! Mit Dank gegen Gott begehen wir heute, im dritten Jahre des großen Krieges, die Grundsteinlegung der zweiten Kirche in Barmbek, hoffend, dass, was im Krieg begonnen, im Frieden beendet werden möge. Damit geht endlich der Erfüllung entgegen, was schon vor acht Jahren ins Auge gefasst wurde, als Nord-Barmbek als vierter Bezirk der Heiligengeist-Gemeinde mit eigenem Pastor eingerichtet wurde, damals mit etwa 7.000 Seelen. Heute umfasst der Bezirk, der 1913 seinen zweiten Pastor bekam, wohl 20.000 Seelen. Bei diesem raschen Wachstum musste der Bau einer eigenen Kirche bald eine dringende Notwendigkeit werden. Am 3. Mai 1912 erbat sich der Kirchenvorstand bei der Finanzdeputation einen Bauplatz für eine Kirche und erhielt nach längeren Verhandlungen durch Einen Hohen Senat und die Bewilligung der Bürgerschaft am 30. Juni 1913 diesen Platz zugesprochen. Schon vorher hatte sich ein freies „Kirchenbaukomitee" gebildet, das sich die Sammlung der ersten Gelder und die Weckung und Belebung des Interesses für den Bau angelegen sein ließ. Die erste Sammlung ergab die Summe von etwa 3.300 Mark. Im Oktober 1912 trat ein vom Kirchenvorstand eingesetzter Bauausschuss, der sich durch Mitglieder des Kirchenbaukomitees erweiterte, zusammen, um ein Bauprogramm zu entwerfen. Einstimmig wurde beschlossen, nicht nur den Bau einer Kirche mit Pastorat ins Auge zu fassen, sondern sogleich auch damit das Gemeindehaus, die Kirchendiener- und Schwesternwohnung zu verbinden, um so in gruppiertem Kirchenbau, zum ersten Mal in Hamburg, eine Baugruppe zu schaffen, die der Mittelpunkt des kirchlichen, sozialen und geselligen Lebens werden soll. Dieses Bauprogramm wurde am 13. Juni 1913 vom Kirchenvorstand angenommen. In einem engeren Wettbewerb unter vier hamburgischen Architekten wurde vom Preisgericht der Entwurf des Herrn Camillo Günther mit dem ersten Preis gekrönt und vom Kirchenvorstand zur Ausführung bestimmt. Aber erst die außerordentliche Synode am 21. September 1915 bewilligte uns die Mittel, 205.000 Mark zunächst, für den Bau der Kirche. So konnte dann der Bau dem Maurermeister Herrn Otto Schultz, der auch die Heiligengeist-Kirche ausführte, übergeben werden.
Am 1. Oktober d. J. soll die Kirche der Gemeinde übergeben werden, wenn nicht unvorhergesehene Ereignisse dazwischentreten. Mancherlei Schwierigkeiten stellen sich dem Bau entgegen, die durch den Krieg verursacht sind. Gott gebe, dass kein Schaden sie alle treffe, die an Seinem Hause bauen! Er schenke, dass, wenn dieser Kirche Glocken zum ersten Male läuten, es Friedensklänge seien für unser ganzes Volk! Er wolle selber diese Stätte weihen, dass hier eine Gemeinde zusammenkomme, die ihn anbetet im Geist und in der Wahrheit!
O Herr, hilf; o Herr, lass wohlgelingen! Amen.
Der Erste Kirchspielsherr Senator Sachse Hamburg, den 23. Januar 1916.
Nach den üblichen Hammerschlägen beendete Pastor Bleymüller die feierliche Handlung.
Die kühne Hoffnung, noch im Jahre der Grundsteinlegung den Bau zu vollenden, konnte im Kriege nicht erfüllt werden. In aller Stille wurde das Richtfest gefeiert, und erst gut vier Jahre nach dem Baubeginn, am 16. Mai 1920, wurde die Kirche durch Senior Grimm, der sich so tatkräftig für Gemeinde und Bau eingesetzt hatte, geweiht. Die Gottesdienste hielten die Pastoren Steffen und Bleymüller.
Das von Anfang an geplante Gemeindehaus folgte erst einige Jahre später; am 2. Dezember 1927 wurde es durch Senior D. Stage eingeweiht. Der Gemeindebezirk war fast gleichzeitig mit der Kirchweihe abgegrenzt worden: Im Osten war es die Landesgrenze gegen die preußischen Gemeinden, im Westen der Stadtpark, gegen Alt-Barmbek die Aue des Osterbeks. Kurz möge die Abtrennung der neubebauten Gemeindebezirke an den Rändern der Auferstehungsgemeinde angedeutet werden. Am kräftigsten entwickelte sich der Bezirk Dulsberg, dem Schumacher ebenfalls sein städtebauliches Gesicht gegeben hatte. Die räumliche Abgrenzung durch Landesgrenze, Bahndamm und Osterbekkanal war klar. 1933 erfolgte die Abtrennung, 1937 die Weihe der Kirche an der Straßburger Straße. Zum gleichen Zeitpunkt wurde auch der Nordbezirk um den Hartzlohplatz selbständig: Bereits 1931 hatte er einen eigenen Kirchsaal, nach dem Zweiten Weltkrieg die St.-Gabriel-Kirche bekommen. Die letzte Abtrennung erfolgte 1969: Der Gemeindeteil jenseits der Bramfelder Straße bekam ein eigenes kirchliches Zentrum am Rudolphiplatz und Lämmersieth: Die St.-Bonifatius-Gemeinde.
Die Mutterkirche Nord-Barmbeks steht heute mehr als 90 Jahre, sie ist in ihrer Art einzig. Am Äußeren fällt auf, dass sie keinen gesonderten Turm als Bauelement und als Träger des Geläutes hat, sondern über einem Rundbau eine steile Kuppel mit einer hohen Laterne, von einem goldleuchtenden Kranz überragt. Nach dem Tieloh ist ein Vorbau mit hohem Giebel und der Uhr, unten die drei Bogen zur Vorhalle, außen mit den Köpfen von Luther und Melanchthon. Über der Eingangstür stehen die Worte: „Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte (1. Kor. 7, 23).“ Die Auferstehungskirche ist eine Zentralkirche mit einer prachtvollen Entfaltung des Predigtraumes, Sie ist ein Rundbau, bei dem die Altarnische, nach hinten aufsteigend, sehr glücklich angefügt ist. Wie bei den barocken evangelischen Kirchenbauten des 18. Jahrhunderts ist der Blick von allen 400 Sitzplätzen des Kirchenschiffs wie auch von den 230 Sitzplätzen der Empore aus, die nur vom Altarraum freigelassen wird, auf Kanzel und Altar gerichtet. Die Kanzel stellt den Geistlichen, da sie nur drei Stufen über dem Fußboden des Kircheninnern sich erhebt, fast unmittelbar in die Gemeinde hinein und erfüllt so eine Forderung der „Volkskirche"; sie ist aus Kunststein und ein Geschenk des Gemeindeältesten Heinrich Dreckmann. An ihrer Stirnseite schwingt sich ein Adler, und darunter steht der Spruch aus Jes. 40 Vers 31: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler." Der vor der Kanzel stehende Taufstein steht noch in der Ebene des Kircheninnern und trägt die Inschrift: „Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?" Im Altarraum links befindet sich die Kriegerehrung, einen sterbenden Krieger darstellend. Rechts liegt, durch einen Vorhang abgetrennt, die Sakristei. Der Altar selbst, ebenfalls aus Kunststein, erhebt sich wiederum drei Stufen über den Altarraum und ist mit einem Umgang für die Abendmahlsgäste versehen. Das Altarbild ist ein Mosaik des Künstlers Axel Bünz. In Anlehnung an das Siegel der Auferstehungskirche stellt es den Weg nach Golgatha mit den drei Kreuzen als Ziel dar, dahinter die strahlende Ostersonne. Durch die hellen Tempelbauten und Türme von Jerusalem geht es durch den braunen Mittelgrund hin den dunklen Kreuzen zu, hinter denen das Hell des Lebens aufleuchtet. Das Bild selbst wird umrankt von dem stilisierten Weinstock mit Reben. Unter dem Altarbild befindet sich, aus Lindenholz geschnitzt, eine Darstellung des Abendmahls in Halbrelief von Bildhauer Richard Kuöhl mit dem seitlichen Spruch: „Die Liebe Christi dringet uns also“ (2, Kor. 5 Vers 14). Von Prof. Kuöhl stammt auch der übrige figürliche Schmuck, wie der Schmuck an Kanzel und Taufstein und die Halbreliefs an der Brüstung, Szenen aus der Bibel darstellend, die die Glaubenslehre betreffen.
Links vom Eingang in die Kirche liegt das Kirchenbüro, zwischen Eingang und Kirche die Vorhalle, die später in Notzeiten auch als kirchlicher Raum Verwendung fand. Die zwei Glocken wurden beim Bochumer Verein als Klangstahlglocken gegossen. Sie haben als Grundstöne D und F, so dass beim Läuten, das zuerst noch mit dem Zuge durch Menschenkraft, später aber elektrisch ausqeführt wurde, der Dreiklang D - F - As entsteht.
4. Das Gemeindehaus der Auferstehungskirche
Der starke Bevölkerungszuwachs Hamburgs ließ in allen Randqemeinden eine sprunghafte Entwicklung erkennen. Auch in dem Gebiet um die Auferstehungskirche gab es ein lebhaftes Bauen. Die Nordseite der Hellbrookstraße und das Gelände zwischen der Bramfelder Straße und der Osterbek wurde in stürmischem Tempo bebaut. Bei der Großwohnhausbauweise unserer Gemeinde wurde es für den Kirchenvorstand, um den Pastoren die erforderliche Arbeitsmöglichkeit zu schaffen, Pflicht, sich am Großwohnbau zu beteiliqen, da der Kirchenrat 1924 den Bau der beiden Pastorate neben der Kirche noch zurückgestellt hatte. Nachdem am 21. September 1924 Herr Pastor Grube aus Schönkirchen bei Kiel in die neubegründete vierte Plarrstelle gewählt war, wurde 1925 von Herrn Lemcke ein Bauplatz Ecke Wachtel- und Geierstraße erworben und dort mit je einem Baukostenzuschuss der Hamburgischen Beleihungskasse und der Hamburger Sparcasse von 1827 ein kirchliches Großwohnhaus erbaut, in dessen Erdgeschoss das Pastorat für Pastor Grube mit Konfirmandensaal nach hinten heraus erstellt wurde. 1928 wurde für Herrn Pastor Saß, den Nachfolger des 1921 pensionierten und aus der hamburgischen Landeskirche nach Thüringen übergetretenen Pastor Bleymüller Ecke Hellbrookstraße/Morgensternsweq ein gleiches Pastorat mit Konfirmandensaal geschaffen. 1926 waren die Pastoren Dahmlos und Schade in die 5. und 6. Pfarrstelle von Nord-Barmbek gewählt worden, dem ersteren wurde der Bezirk Hartzloh, dem letzteren die Westhälfte von Dulsberq zugewiesen. War so bisher die kirchliche Arbeit in einzelne Zellen aufgelöst, so wurde sie nun in dem Gemeindehaus vereinigt, das als zweiter Teil der Baugruppe der Auferstehungskirche errichtet und am 2. Dezember 1927 durch Senior D. Stage eingeweiht wurde. Es enthielt links vom Eingang den heute wieder errichteten und nach dem hochverdienten, durch einen tragischen Unglücksfall ums Leben gekommenen Gemeindeältesten Wilhelm Palm benannten kleinen Gemeindesaal, die langgestreckten Garderoben, rechts die Krippe und zwei Konfirmandensäle, im 1. Stock den 450 Sitzplätze fassenden Festsaal mit Empore und die Wohnung für den Diakon, der gleichzeitig Hausmeister wurde, im 2. Stock das Kirchenvorstandszimmer und die Wohnung für zwei Schwestern. Wie stark dieses Haus sofort benutzt wurde, geht aus den Zahlen des Jahres 1928 hervor: allein in der Bilderschau, die im Festsaal geboten werden konnte, wurde das Haus in 63 Veranstaltungen von 6.289 Kindern und 6.497 Erwachsenen besucht.
Als im zweiten Weltkrieg fast ganz Barmbek zerstört wurde, blieb der Kirchenbau erhalten. Während die umgebenden Häuserblocks schwere Kriegsverwüstungen erfuhren, auch das Gemeindehaus arg beschädigt war, blieb die Kirche erhalten. Gemeindehaus und Kirchenbüro mussten dagegen schrittweise neu aufgebaut werden.
5. Stimmen von heute
Unsere Familie fühlt sich jetzt schon in der dritten Generation dieser Kirche und dieser Gemeinde verbunden: Meine Schwiegereltern leben hier schon lange, mein Mann ist hier konfirmiert, und unsere Kinder kommen hier praktisch seit ihrer Geburt in die Krabbelgruppe, in die Kinderspielgruppe, in die Kindergruppe. Es ist so schön, dass ich das Gefühl habe, ganz selbst gestalten zu können, was ich in der Gemeinde machen möchte. Hier drängt mich niemand: Nun machen Sie mal was! Oder: Wo waren Sie denn Sonntag? Ich gehe z.B. nicht gern in normale Gottesdienste. Dort fühle ich mich immer so verloren und suche mühsam nach der Bedeutung in der Liturgie. Ich weiß oft nicht, worum es geht. Es ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber ich habe auch sehr gute Erinnerungen an Gottesdienste, z.B. zu Weihnachten. Meine Kinder warten schon auf den Weihnachtsgottesdienst; er gehört dazu. Und dann die Taufen meiner beiden ältesten Söhne! Die Taufen waren witzig und interessant und mit Leben erfüllt. Ich lebe gern hier in Barmbek, und die Kirche gehört für mich dazu.
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Vor gut 20 Jahren zog ich nach Barmbek, und es lag mir sehr daran, dass meine Familie und ich hier in der Großstadt nicht ganz anonym lebten. Ich wollte auf der Straße Leute grüßen, und unsere Kinder sollten mit Gleichaltrigen gemeinsam aufwachsen. Von Kindheit an gewöhnt, suchte ich auch hier das kirchengemeindliche Leben mit seinen Gottesdiensten und seinem Kirchenchor. So wurde ich bald Chormitglied in der Auferstehungskirche. Inzwischen haben sich die Kontakte verstärkt. Neben Chor und Frauengruppe ist auch der jährliche Basar ein beliebter Treffpunkt für die ganze Familie. Besonders freue ich mich, dass ich hier eine Gruppe von Flötenspielerinnen gefunden habe. Unsere Mädchen hatten ebenfalls Freude in den Flötengruppen und bei den Kinderbibelwochen, und auch Konfirmation wurde hier gefeiert. Unsere Auferstehungskirche finde ich schön, obwohl mich die Grautöne im Altarraum stören. Das Gemeindehaus bietet gute Möglichkeiten für größere Veranstaltungen. Für Zusammenkünfte im kleinen Kreis könnte ich mir manches optimaler denken in einem kleineren, hellen, freundlichen Raum. Aber was wäre das Leben ohne Wünsche ..... !
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Seit 1951 lebe ich in Barmbek und bin auch damals gleich zur Kirche gegangen. Sie war ja viel voller damals, und wir Frauen hatten viele „Ämter": Jeden Sonntag haben wir den Altar geschmückt, und während der Gottesdienste haben wir die Kinder betreut. Wir sind auch in fremde Häuser gegangen und haben für die Kirche geworben, d.h. für Spenden. Das kann man ja heute gar nicht mehr. Heute macht ja niemand mehr auf. Die Bibelstunde übrigens haben wir zuerst im Kirchenvorraum gehalten. Das Gemeindehaus war ja noch zerstört. Die zweite Dame lebt erst seit 1978 mit der Gemeinde: Ich erfahre hier Freundschaft und Gemeinschaft. Zuerst in Barmbek habe ich nur mit meiner Familie gelebt. Das war mir genug. Als dann kurz nacheinander meine Mutter und mein Mann starben, hatte ich hier niemanden. Da ist die Gemeindehelferin auf mich zugekommen und hat gefragt: Was vermissen Sie denn am meisten? Spontan habe ich geantwortet: Das Kartenspielen! Über das Kartenspielen im Häuschen habe ich Freundinnen gefunden. Die Gemeinsamkeit - auch in den gemeinsamen Problemen - ist für mich Medizin. Hier ist jemand für mich da. In letzter Zeit haben wir manche Gespräche über biblische Geschichten geführt, sie mit unserem Leben verglichen und einander zugehört. Das war eine große Bereicherung.
Gespräch mit zwei Damen aus der Altentagesstätte
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Fast mein ganzes Leben lang wohne ich schon direkt gegenüber der Kirche. Hier bin ich groß geworden, der Tieloh mit der Kirche, das ist meine Heimat. In meiner Kindheit war der Kirchgarten für uns ein idealer Spielplatz: Wir haben uns vorgestellt, in einem Schlosspark zu sein, wir waren die Prinzessinnen, und die Kirche war das Schloss. Damals standen um die Kirche und im Garten noch mehr Bäume und Büsche; alles war verwunschen und romantisch und so recht zum Spielen geeignet. Ich war auch mit meiner Mutter und meiner Schwester zum Einschulungsgottesdienst: Da war ich das einzige Kind, das gekommen war, das war meiner Mutter sehr peinlich. Der Konfirmandenunterricht war auch ganz anders, als die Erwachsenen es von früher kannten: Wir haben uns vorgestellt, wir sind kleine Atome und müssen uns zu Molekülen zusammenfinden, und wir standen in unserer Phantasie auf einem hohen Felsen ohne Seil, um uns herabzulassen, und sollten nach und nach unser Zeug opfern, um daraus ein Seil zu knüpfen. Manche standen dann in Unterwäsche da. Während des Konfirmandenunterrichtes mussten wir auch Gottesdienste besuchen. Ich erinnere mich, dass wir uns auf die hinterste Bank gesetzt und heimlich geraucht haben. Hinterher hat uns ein Gottesdienstbesucher angesprochen und gesagt, das sei "Gotteslästerung". Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen bekommen. Ich freue mich, dass ich hier gegenüber der Kirche wohne: Am Sonntag beim zweiten Läuten muss ich aber wirklich aufstehen. Hoffentlich bekommt die Kirche nie neue Glocken, denn gerade diesen Klang kenne ich so gut, und er gehört zu meiner Heimat. Auch freue ich mich immer über die schönen Birken gegenüber: eine grüne Oase mitten in der Stadt. Und: Hier steht die Kirche, hier werden keine hohen Häuser gebaut!
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Ich bin 1947 - mit knapp 10 Jahren - zur Gemeinde gekommen. Besonders gelockt haben mich - wie viele andere Kinder damals auch - die Filmnachmittage im Kirchenvorraum. Man konnte entweder mit 10 Pf. bezahlen oder mit 2 Ziegelsteinen. die wir vorm Kino in den Trümmern suchen und putzen mussten. Später gab es dann neue Steine. Wir haben damit einen ganz erheblichen Beitrag zum Bau des damaligen Jugendraumes geleistet. Die Jugendarbeit war sehr umfangreich und lebendig damals, einmal weil es hier natürlich keine anderen Aktivitäten gab, aber besonders weil der Jugenddiakon eine stadtteilbekannte Persönlichkeit mit seinem einen Bein auf dem besonders umgebauten Mofa - Jugendliche persönlich ansprach. Mit ihm machte es einfach Spaß. Es gab bis zu 10 Jugendgruppen, die so klangvolle Namen wie Löwe, Tiger, Panther oder Leopard trugen. Diese Gruppen lebten besonders von den gemeinsamen Unternehmungen. Die Gemeinde hatte 10 Zweimannzelte - Jugendherberge war noch verpönt - und wir fuhren mit dem Fahrrad überall hin. Später hatten meine Freunde und ich eine eigene Gruppe, die sich 'Schar Ansgar' nannte. Auch wenn die Gruppe dann auseinanderging aus den verschiedensten Gründen, eine ganze Reihe meiner ehemaligen Freunde sind jetzt wieder 'bei Kirchens' engagiert. Seit 1947 verbrachte ich ein Großteil meiner Zeit in der Gemeinde, war so eine Art Faktotum und Hilfskirchendiener, und nun nahte die Konfirmation - nein, erst noch die Taufe. Beinahe wäre ich nicht konfirmiert worden, denn am Unterricht habe ich fast gar nicht teilgenommen, denn ich "arbeitete" ja sowieso fast jeden Tag hier und war sonntags in der Kirche. Eben vor der Konfirmation ging Pastor Tute nach Chile, und sein Nachfolger wollte mich nicht konfirmieren. Ein gemeinsamer Beschluss aller Pastoren der Gemeinde machte es dann doch noch möglich!
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Woran ich denke, wenn mir die Kirchengemeinde Nord-Barmbek und die Auferstehungskirche in den Sinn kommen? Da fallen mir sofort gleich mehrere wichtige Ereignisse meines Lebens ein. Die erste Dichterlesung, zu der meine Buchhandlung eingeladen hat, war die Dichterlesung mit Ingeborg Drewitz 1982. Es waren 73 Personen da: Jede einzelne war mir wichtig. Ingeborg Drewitz las aus 'Eis auf der Elbe'. Ich mochte sie sehr, und es ergab sich ein lebendiger Kontakt. Leider ist sie kurz darauf gestorben. Eine weitere, aufregende Dichterlesung, die meine Buchhandlung zusammen mit der Geschichtswerkstatt veranstaltete, war die mit Ralph Giordano. Ich glaube, ich darf gar nicht sagen, wie viel Menschen im Großen Saal des Gemeindehauses waren, er platzte förmlich aus allen Nähten. Kurz nach Beginn der Lesung kam noch eine liebe Kundin, fast direkt aus dem Krankenhaus, und wir haben das ganze Gemeindehaus nach einem Stuhl abgesucht. Im Jahre 1993 habe ich mit meiner Familie einen bewegenden Familiengottesdienst zum Erntedank mitgefeiert. Meine Kinder waren zum ersten Mal dabei, sie wurden sozusagen in die Kirche eingeführt - und bei uns saß mein Vater, mit dem ich zum letzten Mal in der Kirche war. Freude und Schmerz, berufliche und private Unternehmungen, alles fällt mir sofort ein und verbindet mich mit der Auferstehungskirche und Nord-Barmbek. Ulrich Hoffmann
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Erste Eindrücke 1943 Meine Klassenkameradin von der Lehrerbildungsanstalt, Lisa Stender, lud mich zu einem Wochenendbesuch ein. Das Wochenende begann damals sonnabends nach 13 Uhr. Nach der Ausbombung hatten ihre Eltern ein Behelfsheim, eine sogenannte Ley-Bude, erhalten, die auf deren Parzelle des Kleingartenvereins in Steilshoop / Schwarzer Weg aufgestellt worden war: Ein Zimmer mit Kochgelegenheit, daneben durch Holzwand und Vorhang getrennt ein schmaler Raum mit zwei hintereinander stehenden Etagenbetten. Schlafgast an diesem Wochenende: Ingeborg Lindemann, 16 Jahre alt. Lisa Stender war Kindergottesdiensthelferin in der Auferstehungskirche zur Zeit von Gemeindehelferin Bienutta und Pastor Saß. Am Sonntag sollte der Kirchenchor im Gottesdienst singen. Lisa hatte mich schon zur Probe angemeldet, und der Kantor, Ulrich Busse, freute sich über die Verstärkung des Chores. Wer hätte damals ahnen können, dass ich einmal seine direkte Nachfolgerin im Amt sein würde? Berufung nach Nord-Barmbek Nach dem plötzlichen Tod meines Vorgängers im Amte des Organisten der Auferstehungskirche, Wilhelm Matthies, wurde ich 'amtlich' für den Organistendienst in der Kirchengemeinde Nord-Barmbek ausgeliehen. Am Pfingstsonntag, 25. Mai 1958, trat ich mit neuer Gottesdienstordnung nach Agende 1 meine Organistenvertretung an. Da dann auch der Kantor Ulrich Busse 1959 das Pensionsalter erreicht hatte, wurde die Kantoren- und Organistenstelle der KG Nord-Barmbek zum 1. April 1959 ausgeschrieben. In die engere Wahl kamen von 22 Bewerbern zwei Herren und ich. Vor dem Probespiel, der Vorstellung in der Chorleitung und dem Gemeindesingen hörte ich - natürlich nicht direkt - "Wie soll eine Frau die viele Arbeit schaffen" - "Wird sie nicht bald wieder gehen?" -"Heiraten?" Also lieber keine Langhaarige! Und nun wurde sie doch gewählt und hielt durch - hat auch nach 10 Dienstjahren in Barmbek noch geheiratet - war durch nichts zu erschüttern und hat gut 30 Jahre in Nord-Barmbek mit viel Freude ihren Dienst getan. Die Orgel Wo stand in Hamburg 1947/48 eine der klanglich interessantesten Orgeln? Am Tieloh in der Auferstehungskirche in Nord-Barmbek! Wir Studenten der Kirchenmusik pilgerten dorthin. Mein Vorgänger im Amt des Organisten, Wilhelm Matthies, und der landeskirchliche Orgelbausachverständige, Kirchenmusikdirektor Friedrich Bihn, hatten aus der Walcker-Orgel mit vormals romantischem Klang durch Abschneiden der Pfeifen und Umintonation einen barocken Klang gezaubert. So war die Orgelliteratur speziell der norddeutschen Meister (Buxtehude, Böhm, Bruhns) und Bachs Werke mit größerem Farbreichtum darzustellen. Viele Jahre später - ich war längst Organistin und Kantorin in Nord-Barmbek - wurde die Orgel 'unberechenbar'. Mit einem Trauergottesdienst sollte unser Kirchenrendant, Herr Gößwein, von allen geachtet und wegen seines Schalks im Auge von vielen geliebt, zur letzten Ruhe geleitet werden. Beim morgendlichen Einspielen zur Trauerfeier fing die Orgel an zu heulen. Ich suchte den Fehler, konnte ihn nicht beseitigen und rief Herrn KMD Bihn an. Er eilte mit der U-Bahn herbei und suchte und suchte den Heuler - vergeblich. Da stampfte er voll Unmut kräftig auf die Windlade und sagte seufzend .So'n Schiet". Der Heulton verstummte! - Der Trauergottesdienst verlief ohne Nebentöne. Dieses Ereignis gab den letzten Anstoß zum Orgelumbau 1965. Unsere Orgel wurde jetzt auf drei Manuale erweitert und elektrifiziert. Nach erfolgter Renovierung wollte ich für den ersten festlichen Gottesdienst üben traf unseren Küster Kraschinski, der mich entsetzt ansah und meinte: "Üben wollen Sie? Die Orgel geht doch jetzt elektrisch!" Ich nahm ihn bei der Hand und spielte ihm einen "Bach". Sein Ausspruch darauf: "Das ist ja wirklich Arbeit!". Kirchentag in Hamburg 1981 In der Programmvorschau hatte ich geübte Sänger zu Probe und Konzert von doppelchörigen Werken von Schütz und Mendelssohn eingeladen. Wenn niemand käme, hätten auch meine Chöre das Konzert musizieren können. Es war noch viel Zeit bis zur Probe, da hörte ich: "Im Gang zwischen Tieloh und dem Eingang zum Großen Saal stehen die Sänger und Sängerinnen in Viererreihen - sicher viel zu viele für unseren Gemeindesaal!" Also: Alle Sänger in die Auferstehungskirche. Zu Beginn der Probe war jeder Platz in der Kirche unten und der ganze Altarraum besetzt. Wie sollte ich diese große Sängerschar - bald 500 Kehlen - in 'Stimmung' bringen? Als ich in die Kirche kam, wurde ich mit Applaus und Rufen: "Sie tut es - sie macht es" zur Kanzel, meinem Notenpult, geleitet. Menschenmassen haben mich noch nie geschreckt. Die Probe nahm ihren Lauf. Bachs vierstimmiger Satz "Lobe den Herren" klang überwältigend. Aber wie die Massen für die schwierigen Doppelchöre einteilen? Ich bat: "Bitte, nur Sänger, die diese einchörigen Stücke sicher beherrschen, auf die Orgelempore." Etwa 100 'Sichere' bewegten sich nach oben. Die Disziplin der großen Sängerschar war beeindruckend. Aber der Imbiss, den ich angekündigt hatte? Wie - und vor allem was? Herr Pastor Tsang wirkte mit seinem Team und zauberte mit Vorgriff auf das morgendliche Frühstück ein Essen - ganz biblisch - die Speisung der ca. 500. Doch was machen wir um 21 Uhr mit den Konzertbesuchern? Platz für die Zuhörer war nur noch auf der Empore. In übervoller Kirche erklangen nach erlebnisreicher Probe die doppelchörigen Werke und erfreuten die Zuhörer und besonders die geübten Sänger, die sich mit im Garten gebrochenen Zweigen von Jasmin bei mir bedankten. Ein unvergessliches Ereignis für alle: letzte Grüße des Dankes erreichten mich Weihnachten 1981. Ingeborg Brendel
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Kriegsdienstverweigerung In meiner Jugendgruppe war die Wiederbewaffnung ein wichtiges Thema, und zwar durchaus kontrovers diskutiert. Der Diakon war zwar nicht Militarist, aber die Kriegszeit war für ihn so wichtig und prägend, dass ein Land ohne Soldaten für ihn nicht vorstellbar war. Ich dagegen hatte mich aus vielen Gründen, besonders aber auch bestimmt durch meine Auffassung vom Christentum, entschlossen, den Kriegsdienst zu verweigern. Ich gehörte zum ersten Jahrgang, der wieder Soldat werden sollte. Ich habe trotz der unterschiedlichen Auffassungen den Diakon und meinen Klassenlehrer, einen vaterländisch gesinnten Christen, gebeten, Zeugnis abzugeben für meine Gewissensgründe. Das war für die Kommission so überzeugend, dass die 'mündliche Prüfung' nach drei Minuten vorbei war. Das hat mich sehr geprägt, dass man in dieser Gemeinde meine Meinung respektiert hat, auch wenn man sie nicht teilte. An anderer Stelle habe ich das später weiterzugeben versucht. Ich denke gern an die Zeit, als Nord-Barmbek für mich Heimat war.
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Architekt Camillo Günther |
